Rieselfelder

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Die Rieselfelder sind eine mehr als 700 Hektar große Fläche im Norden Münsters zwischen Coerde, Gelmer und Gimbte auf der von 1900 bis 1976 die Abwässer der Stadt Münster "verrieselt" und dadurch geklärt wurden.

Zu Erlebnissen besonderer Art lädt seit den 70er Jahren die Biologische Station in das Naturschutz- und Naturerlebnisgebiet der Rieselfelder Münster ein. Im Europareservat für Wasser- und Watvögel bietet sie Vorträge, Führungen und Fahrradtouren an und wendet sich mit speziellen Exkursionen auch an Kinder. Im gut ausgebauten Wegesystem, auf den Beobachtungskanzeln und auf dem Naturlehrpfad soll bei den Besuchern durch Entdecken und Beobachten die Freude an der Natur geweckt und das Umweltbewusstsein entwickelt werden.

Inhaltsverzeichnis

Die Rieselfelder als Kläranlage

Im "Amts=Blatt" der Königlichen Regierung zu Münster wurde am 27. September 1900 ein "Allerhöchster Erlaß" Seiner Majestät bekannt gegeben, der es der Stadtgemeinde Münster erlaubte, für die Anlage der Rieselfelder in der "Cör- und Gelmerheide" notwendiges Grundeigentum aus Privatbesitz zu enteignen oder mit einer dauernden Beschränkung zu belasten. Und so wurde vor gut einhundert Jahren ein Gelände von 722 Hektar Größe erworben, um dort die Abwässer der Stadt zu verrieseln. Die Wahl war auf das Heidegebiet nördlich von Münster gefallen, ein ehemaliges Eichen-Hainbuchen-Gebiet, das durch Rodung, Beweidung und Abplaggen zu einem unfruchtbaren Landstrich geworden war. Dieses Gelände mit seinen bis zu zwei Meter mächtigen Sandschichten eignete sich aber gut zum Filtern von Schmutzwasser, und so nahm es über 70 Jahre lang die Abwässer der Stadt auf.

Das Pumpwerk an der Gartenstraße (im "Pumpenhaus" wird heute Theater gespielt) presste das Abwasser durch eine Rohrleitung stadtauswärts in Klärteiche. Von dort aus brachte ein netzartig ausgebautes Zuleitungssystem das von den gröbsten Schlamm- und Sinkstoffen befreite Wasser zu den Rieselfeldern, wo ein Teil verdunstete und der Rest allmählich im Boden versickerte. Im Untergrund liegende poröse Tonröhrenstränge leiteten schließlich das gereinigte Schmutzwasser den beiden Flüssen Aa und Ems zu.

Anfangs wurden viele Felder, wenn sie nicht überstaut waren, als Grünland und Ackerfläche genutzt. Der sich absetzende Schlamm machte die Sandböden wieder fruchtbar, so dass zusätzliche Düngung nicht erforderlich war. Doch die landwirtschaftliche Nutzung wurde aus hygienischen Gründen nach und nach eingestellt.

Mit steigender Einwohnerzahl und Einführung der zentralen Wasserversorgung nahmen die Abwässer der Stadt zu, die Fläche der Rieselfelder vergrößerte sich von Jahr zu Jahr.

Neue Heimat für Wasser- und Watvögel

Parallel dazu war auf den Wasserflächen eine stetig wachsende Zahl von Vögeln zu beobachten. Besonders im Frühling und im Herbst wurden die Rieselfelder von vielen Wasser- und Watvögeln aufgesucht, die auf ihrem Weg zwischen Brutgebiet und Winterquartier auf Rastplätze mit Flachwasser angewiesen sind. Die Tiere suchten neue Lebensräume, nachdem die Moore in Niedersachsen und an der holländischen Grenze trockengelegt, viele Feuchtwiesen in Ackerland umgewandelt und eine große Zahl von Flüssen begradigt worden waren. Das nährstoffreiche Wasser der Rieselfelder und die geringe Wassertiefe machten das Gelände zu einem idealen Rast- und Mauserplatz; zusätzlich bot der Verlandungsgürtel für viele Vogelarten ungestörte Nistmöglichkeiten.

Zur wissenschaftlichen Erforschung der Vogelwelt wurde schon vor 30 Jahren eine Biologische Station eingerichtet, erste Bemühungen und Untersuchungen zum Naturschutz der Rieselfelder nahmen ihren Anfang. 1971 wurde die Biologische Station Außenstelle der Vogelwarte Helgoland.

Typisch für die Rieselfelder sind Watvögel, deren lange, dünne Schnäbel sich besonders für die Nahrungssuche im schlammigen flachen Wasser eignen. Für sie ist das Reservat Rastplatz auf dem Wege vom Brutgebiet im nördlichen Eurasien zum Winterquartier in Afrika; so wechseln hier zum Beispiel die Kampfläufer einen Teil ihres Federkleides und stärken sich für den Weiterflug. Gäste der Rieselfelder sind auch Grünschenkel, Bekassinen und Uferschnepfen, Möwen, Rallen und Greifvögel. Etliche Vögel, so Enten, Kiebitze, Rotschenkel und Flussregenpfeifer, brüten hier.

Die Beringung der Vögel ist ein besonderes Projekt der Biologischen Station. Das Hauptinteresse gilt dabei den Bekassinen, aber auch die Wiederkehrrate und die Lebensräume von Krickenten und Zwergschnepfen werden genauer erfasst. So sammeln Ornithologen durch weltweite Zusammenarbeit Daten über das Vorkommen einzelner Arten, über Zugwege, Winterquartiere, Brutstätten und Rastplätze. Für die Beringungsaktionen werden Uferreusen benutzt, die wie ein Labyrinth gestaltet sind. Durch Eingänge finden die Vögel hinein und können weiter auf Futtersuche gehen, aber sie finden nicht wieder hinaus und können deshalb gut "erfasst" werden.


Von der Kloake zum Naturschutzgebiet

Im Jahre 1975 machte der Bau einer Großkläranlage die Rieselfelder als Abwasserentsorger überflüssig, wenig später wurden nur noch zehn Prozent der Fläche bewässert. Große Teile der Felder verlandeten und der Vogelbestand ging merklich zurück. Die Stadt plante auf dem Gelände ein Industrie- und Gewerbegebiet, doch die Ornithologen der Biologischen Station und eine Bürgerinitiative kämpften in den folgenden Jahren erfolgreich gegen eine naturschutzfremde Nutzung der Rieselfelder.

Mit Unterstützung zahlreicher Naturschutzorganisationen wurde 1976 ein Vertrag zwischen der Stadt Münster und dem Land Nordrhein-Westfalen geschlossen, der die Rieselfelder für 20 Jahre unter Schutz stellte. Sofort begann man mit der Wiederherrichtung der Wasserflächen, dem Ausbau des Zuleitungssystems und der Reparatur und Neuanlage notwendiger Dämme. Noch im gleichen Jahr erhielten die Rieselfelder das Prädikat "Europareservat" und wurden 1983 als "Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung" anerkannt.

Den Fortbestand der Rieselfelder Münster schrieb ein weiterer Vertrag Ende der 90-er Jahre fest. Heute ähnelt das Areal einer großen Seenplatte mit mehr als 130 Einzelteichen, es setzt sich zusammen aus einem Naturschutzgebiet im Norden und einem sich südöstlich anschließenden Naturerlebnisgebiet. Bei der Erhaltung dieses Biotops geht es um die Pflege eines wichtigen Rast- und Brutgebietes für Wat- und Wasservögel, aber auch um ein neues Konzept, das sich nicht nur dem herkömmlichen, ausschließlich konservierenden Naturschutz verschreibt, sondern darüber hinaus neue Wege in der Naturschutzarbeit sucht. Zum Aufgabenbereich der Mitarbeiter in der Biologischen Station gehören die Forschungsarbeit in der Ornithologie, Wasseruntersuchungen, Untersuchungen über das Vorkommen potentieller Nahrungstiere, Betreuung von Gastforschern, Reservatgestaltung und Öffentlichkeitsarbeit, besonders im Hinblick auf Naturschutzprobleme.

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