"Wiedertäufer-Käfige"

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Die "Wiedertäufer-Käfige" am Turm der Lambertikirche (Foto: Presseamt der Stadt Münster).
Als "Wiedertäufer-Käfige" bezeichnet der Volksmund drei eiserne Körbe an der Südseite des Turms der Lambertikirche, die zu einer touristischen Attraktion und zu einem Wahrzeichen der Stadt Münster geworden sind.

Eiserne (oder auch hölzerne) Körbe dienten in der mittelalterlichen Strafjustiz vielerorten dazu, lebende Delinquenten oder ihre Leichname nach der Hinrichtung zur Schau zu stellen. Diese öffentliche Präsentation hatte neben dem Abschreckungseffekt den Zweck einer Strafverschärfung, denn der Körper des Hingerichteten wurde so wenigstens zeitweise der Bestattung entzogen. Eisenkörbe, in denen Delinquenten zur Strafe ausgestellt wurden, gab es in Münster am Pranger als sogenanntes "Rollhäuschen" und an der Wasser-Wippe vor dem Mauritztor.

Inhaltsverzeichnis

Drei Körbe für die Führer der Täufer

Am 25. Juni 1535 nahmen nach sechzehn Monate langer Belagerung die Truppen des Bischofs Franz von Waldeck und seiner Verbündeten das von den Täufern verteidigte Münster ein. Dabei gerieten nur fünf Anführer der Geschlagenen in Gefangenschaft. Einer, der junge Adlige Gerlach von Wullen, wurde auf Bitten seiner Verwandtschaft begnadigt, ein weiterer, der Erbmann Christian Kerckerinck wurde Ende Juli bei Dülmen durch ein außerordentliches Gericht zum Tode verurteilt und in einem Wäldchen hingerichtet. Franz von Waldecks Sohn Christoph hatte während der Täuferherrschaft in Münster gelebt und die Tochter Kerckerincks geheiratet. Der Bischof wollte sich und seinen Untertanen wohl das Schauspiel ersparen, dass der Schwiegervater seines Sohnes öffentlich (in Ketten) verhört und anschließend vor Publikum zu Tode gefoltert wird.

Die übrigen drei Gefangenen Bernhard Krechting, Bernd Knipperdolling und Johann Bockelson, genannt Jan van Leiden wurden am 25. Juli 1535 in Haus Dülmen verhört. Dabei soll Jan van Leiden dem Bischof auf seine Vorhaltung, welche Kosten es verursacht habe, Münster wieder einzunehmen, diesem ironisch geantwortet haben, er solle einen "eysen Korb lassen schmieden", in dem er und Knipperdolling für einen Pfennig zu besichtigen seien, so werde der Bischof "mehr Geld kriegen, als er verkriegt habe". Ob die Anregung zur Herstellung der "Wiedertäufer-Käfige" auf diese Ankedote zurückgeht, wird nicht zu entscheiden sein. Die Körbe wurden erst Ende 1535 fertiggestellt und nicht zum Transport oder zur Vorführung der noch lebenden Täuferführer verwendet.

Angefertigt wurden die drei Eisenkörbe auftragsgemäß von dem Schmied Bertold von Lüdinghausen in Dortmund. Die Körbe messen an ihren Vorderseiten 187x78 cm, 187x76 cm und 179x79 cm. Sie sind aus stärkeren und dünneren Eisenstangen zusammengesetzt. An den Vorderseiten der geschlossenen Kästen sind an je zwei Angeln Türen angebracht, durch die man in die Körbe gelangt. Zwei sich diagonal kreuzende Eisenbügel überhöhen die Oberseite eines jeden Korbs und dienen dazu ihn aufzuhängen. Für den Korb van Leidens verbrauchte Bertold von Lüdinghausen Stabeisen im Gewicht von "4 Wag minus 13 talente" (etwa 233 - 246 kg). Die Eisenstange eines Korbes trägt die vom Schmied eingeschlagene Jahreszahl MCCCCCXXXV.

Die "Käfige" am Turm von St. Lamberti

Am 6. Januar 1536 verurteilte ein Inquisitionsgericht in Wolbeck die drei Gefangenen zum Tode. Ihnen sollte "alles Fleisch mit glühenden Zangen von den Knochen abgerissen und dann Gurgel und Herz mit glühenden Eisen durchstoßen werden". Die öffentliche Vollstreckung des Urteils erfolgte am 22. Januar 1536 auf einem Schaugerüst auf dem Prinzipalmarkt. Die Exekutionen dauerten mehrere Stunden.

Die toten Körper der Exekutierten wurden in die bereitgestellten Körbe gesteckte und anschließend an der Südseite des Turms von St. Lamberti hochgezogen und an Haken gehängt. Da der Umgang mit den Gerätschaften eines Scharfrichters - und dazu gehörten die Körbe - für einen Stadtbürger als entehrend galt, war für diese Arbeit eine Gruppe Bauern aus der Umgebung zwangsverpflichtet worden. In der Mitte hing etwas erhöht der Korb des "Täuferkönigs". Die bei der Folterung und Hinrichtung verwendeten vier Eisenzangen und das Halsband wurden an den Säulen des Rathauses angebracht. Die Leichen wurden nie wieder aus den Körben herausgeholt. Sie blieben der Witterung ausgesetzt. Noch 1585 sollen letzte Knochenreste zu sehen gewesen sein.

Die prominente Stelle, an der die Körbe zur Schau gestellt wurden, nämlich an der zum Hauptmarkt der Stadt, dem Prinzipalmarkt, zugewandten Turmseite, unterstreicht den Zweck, den der Augenzeuge Antonius Corvinus nennt, nicht nur ein dauerndes Angedenken zu gewähren, sondern auch zur Warnung und Abschreckung für alle unruhigen und aufrührerischen Geister der Gegenwart und der Zukunft zu dienen.

In den Jahrzehnten und Jahrhunderten nach der Befestigung der Körbe am Turm wurden sie zu einem Wahrzeichen der Stadt: kaum ein Durchreisender oder Besucher, der sie sich nicht zeigen ließ und angelegentlich davon berichtete. In dieser Zeit wandelte sich auch die Bezeichnung in den Berichten der Besucher. Aus den ursprünglichen "Eisenkörben", also Behältnissen für tote Gegenstände, wurden "Wiedertäufer-Käfige", so als seien van Leiden, Knipperdolling und Bernhard Krechting gleichsam als lebendige, wilde Tiere dort eingesperrt worden. Zu den prominentesten Besuchern, die die "Wiedertäufer-Käfige" in ihren Werken nennen, gehören Fabio Chigi, der päpstliche Gesandte zum westfälischen Friedenskongress 1643 - 1648 und spätere Papst Alexander VII., und der Dichter Heinrich Heine, der in seinem "Wintermärchen" vorschlug, was mit den Gebeinen der "heiligen drei Könige" geschehen solle, wenn der Bau des Kölner Doms, ganz nach Heines Wünschen, niemals vollendet werde:

"Folgt meinem Rat und steckt sie hinein

in jene drei Körbe von Eisen,

die hoch zu Münster hängen am Turm

der Sankt Lamberti geheißen."

(Deutschland. Ein Wintermärchen, Caput IV)

Runter und wieder rauf

Mit den Jahren war der Turm von St. Lamberti so baufällig geworden, dass am 17. Oktober 1881 mit dem Abriss seines Obergeschosses begonnen wurde. Die drei Körbe wurden am 3. Dezember 1881 abgenommen und vorläufig im Hof eines Kaufmanns in der Nähe der Kirche abgestellt. Um sie vor Beschädigungen zu schützen, wurden sie danach auf einem Tisch in der Dominikanerkirche in der Salzstraße präsentiert. Dort waren sie noch 1884 zu sehen und wurden 1882 oder 1883 von dem jungen Otto Modersohn gezeichnet. Zuletzt erhielt der Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens die drei Körbe als Leihgabe und verwahrte sie am Bispinghof in einem Schuppen der Kerckerinck-Borgschen Hofes.

1887/1888 wurde auch der untere Turmteil abgebrochen und am 4. Oktober 1888 wurde der Grundstein für den Turmneubau gelegt. Es dauerte elf Jahre, bis am 22. September 1898 die drei Eisenkörbe wiederum an der südlichen Seite des neuen, optisch sehr veränderten Kirchturms über der Turmuhr befestigt werden konnten.

1927 wurden die Körbe erneut abgenommen und in der Kunstschlosserei Kirschbaum an der Scharnhorststraße überprüft. Nach kleineren Ergänzungen im Eisenwerk und einem Rostschutzanstrich fanden sie ihren alten Platz wieder.

Am 18. November 1944 riss bei einem Bombenangriff eine Bombe ein Stück aus der Südwestseite des Turmes und zerstörte die Eckfiale und einen der acht Pfeiler, die den Turmhelm trugen. Auch die Querstangen, an der die Körbe hingen, waren von diesem Pfeiler gestützt worden. Ein Korb stürzte in einen Bombentrichter auf dem Kirchplatz, ein zweiter auf die Orgelbühne, der dritte blieb über der Uhr hängen. Erst nach dem Kriegsende, am 20. Juli 1945, wurde der stark beschädigte Eisenkorb bei Aufräumarbeiten aus dem Bombentrichter geborgen. Nachdem im Herbst 1948 der zerstörte Eckpfeiler des Turms von St. Lamberti wieder aufgemauert war, wurden auch die zwischenzeitlich reparierten Eisenkörbe hochgezogen und befestigt. Während der Überholungsarbeiten sind offensichtlich die Metallkrabben auf den Bügeln der Körbe entfernt worden. Auch erfolgte die Aufhängung in einer Weise, die leicht von der der Vorkriegszeit abweicht.

Die "Wiedertäufer-Käfige" heute: Abnehmen oder hängen lassen?

Es gibt die touristische Wahrnehmung der "Wiedertäufer-Käfige". Sie sind aus dem Stadtbild und seiner Vermarktung kaum wegzudenken. Daneben stellen sich Münsteraner Bürger aber auch die Frage, ob das demonstrative Zur-Schau-Stellen von Instrumenten der Strafjustiz aus einer Zeit konfessionell motivierter Grausamkeiten noch zeitgemäß sei. Für die "Traditionalisten" sind die Körbe immer noch eine Warnung vor den Folgen von Aufruhr. Alljährlich wird im Dom am 25. Juni eine Dankmesse für die "Befreiung von der Schreckensherrschaft der Wiedertäufer" gelesen (seit 1948 verbunden mit dem Dank für den "mit Gottes Hilfe erfolgten" Wiederaufbau Münsters). Andere Befürworter des Verbleibs der drei Körbe am Turm argumentieren, sie seien als sichtbare Dokumente der Grausamkeit der im Mittelalter Herrschenden zu erhalten, es fehle aber eine historische Erläuterung etwa in Form einer Hinweistafel.

Teil dieser Rezeption der "Wiedertäufer-Käfige" als historischer Denkmäler wurde die 1987 im Rahmen der Ausstellung "Skulptur im öffentlichen Raum" in ihnen angebrachte Installation "Irrlichter" von Lothar Baumgarten. Er hängte in die Körbe je eine elektrische Glühbirne, die nun - so ein Katalog - an die "Seelen der drei Wiedertäufer" erinnern sollen.

Originale und Kopien

Martha Roslers Eisenkörbe vor der Stadtbücherei (2007). Foto: Stadtbücherei Münster. Daniela Meyer

Am Turm von St. Lamberti hängen die "originalen" "Wiedertäufer-Käfige" von 1535/1536. Das offensichtlich unausrottbare Gerücht, es handele sich dort oben um Kopien, die Originale befänden sich im Stadtmuseum in der Salzstraße, hat der Gründer des Zoologischen Gartens Hermann Landois in die Welt gebracht. Als Ende des 19. Jahrhunderts der Neubau des Turms von St. Lamberti vollendet war, wollte der Magistrat die Originalkörbe durch Nachbildungen ersetzen lassen, scheiterte mit diesem Ansinnen aber an einem Verbot der preußischen Regierung. Die bereits gefertigten und angekauften Kopien standen unnütz herum, bis sie der pfiffige Landois entdeckte, sie für 300 Reichsmark ankaufte und zu Werbezwecken in "seinen" Zoologischen Garten an der Himmelreichallee bringen ließ. Er behauptete fortan, er besitze die Originale der "Wiedertäufer-Käfige", die "anderen am Turm" seien Kopien. Nebenbei zeigte er in seinem Skurrilitätenkabinett u.a. auch das "Original-Bügeleisen" des "Schneider-Königs" Jan van Leiden.

Nach der Schließung des alten Zoologischen Gartens blieben die drei Landois'schen Körbe zurück, bis sie - zwischenzeitlich restauriert - vom Direktor des neuen Zoos Götz Ruempler dem Stadtmuseum geschenkt wurden.

Drei weitere Körbe wurden im Juni 2007 während der skulptur projekte Münster 07 als Teil eines Projekts der amerikanischen Künstlerin Martha Rosler vor dem Eingang der Stadtbücherei aufgestellt. Rosler löste Fragmente des öffentlichen Raums als Kopien - neben den "Käfigen" das Adleremblem am Gebäude des Lufttransportkommandos und einen Bambustunnel aus dem Botanischen Garten - aus ihrer Umgebung, um sie an anderer Stelle im Stadtbild zu platzieren.

Literatur

  • Kirchhoff, Karl-Heinz ; Die "Wiedertäufer-Käfige" in Münster. Zur Geschichte der drei Eisenkörbe am Turm von St. Lamberti; Münster : Aschendorff 1996; ISBN 3-402-05355-1